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Polizeianwärter setzen die Verbrechen der Nazis fort

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/berlin/638439.html Antisemitischer Eklat an Polizeischule Angehende Berliner Polizisten lehnten Unterricht über NS-Zeit ab / Dozent ist Holocaust-Überlebender / Polizeipräsident Glietsch kündigt Konsequenzen an Marlies Emmerich und Lutz Schnedelbach BERLIN. Ein antisemitischer Vorfall an der Berliner Polizeischule in Ruhleben sorgt bis in die Spitzen der Polizeiführung für Unruhe. Eine ganze Klasse angehender Polizisten soll in einer obligatorischen Unterrichtseinheit über die Zeit des nationalsozialistischen Regimes nach Informationen der Berliner Zeitung erklärt haben, sie wolle nicht dauernd an den Holocaust erinnert werden. Zudem sollen Äußerungen gefallen sein, dass Juden reiche Leute seien. Der Vorfall hat sich bereits am 27. Februar zugetragen und ist nur durch Zufall Ende vergangener Woche Polizeipräsident Dieter Glietsch bekannt geworden. Dieser reagierte sofort und wies seine engsten Mitarbeiter an, die Vorwürfe unverzüglich zu prüfen. Der Polizeipräsident soll vor allem darüber verärgert sein, dass die Informationen ihn deutlich verspätet erreicht haben - und auch nicht direkt aus der Polizeischule kamen, sondern über Umwege von außen. Glietsch sagte gestern der Berliner Zeitung: “Sollte sich herausstellen, dass die Behauptungen stimmen, wird es Konsequenzen geben.” Der Polizeipräsident verlangte eine umfassende Aufklärung des Falles. Der Leiter der Schule, der Leiter für politische Bildung und ein Lehrer waren gestern Nachmittag in das Polizeipräsidium bestellt worden. Ergebnisse des Treffens wurden nicht bekannt. Zeuge der antisemitischen Ausfälle war der Holocaust-Überlebende Isaak Behar, dessen gesamte Familie - Eltern und zwei Schwestern - in Au- schwitz ermordet worden waren und der vor der Klasse einen Vortrag gehalten hatte. Der 83-Jährige spricht seit fast zwanzig Jahren als Zeitzeuge an Schulen, bei der Bundeswehr und in der Berliner Polizeischule. Behar ist für dieses Engagement mit dem Landesverdienstorden Berlin und dem goldenen Ehrenkreuz der Bundeswehr ausgezeichnet worden. Auf Einzelheiten des Vorfalles wollte Behar gegenüber der Berliner Zeitung nicht eingehen. “Ich bin glücklich über die Reaktionen der Schulleitung und der Lehrer und insbesondere über die Reaktion des Polizeipräsidenten”, sagte er. An der Polizeischule gehört die Aufklärung über den Holocaust zum festen Unterrichtsprogramm. Für Polizeianwärter ist es Pflicht, an diesen Veranstaltungen, bei denen Aufsichtspersonen dabei sind, teilzunehmen. Laut Behar hat es auch bei der Bundeswehr hin und wieder antisemitische Vorfälle gegeben. “Doch immer ist die Führung dagegen konsequent vorgegangen”, so Behar. Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama sagte gestern, dass sich an der Polizeischule das widerspiegele, was in der ganzen Gesellschaft vorkomme. “Dieser überall auftretende Antisemitismus ist bedrohlich und bedauerlich”, so Nachama. Ob die Schüler von der Ausbildung ausgeschlossen werden sollten, müsse die Polizeiführung entscheiden. “Jeder hat ein Recht gehört zu werden, ein Anrecht, belehrt zu werden und ein Anrecht auf Umkehr”, so Nachama. Nach der aktuellen Kriminalitätsstatistik haben die antisemitischen Straftaten in Berlin abgenommen. Die Zahl sank von 326 Taten im Jahr 2005 auf 274 Delikte im vergangenen Jahr. Ermittlungen gegen Polizisten in Berlin wegen des Verdachts von Antisemitismus und Volksverhetzung sind laut Polizei selten. Zuletzt wurde im Mai 2006 ein Polizeiobermeister aus der Direktion 5 wegen des Verdachts der Volksverhetzung vom Dienst suspendiert. Einen Monat zuvor musste sich ein Kriminaltechniker verantworten. Der inzwischen suspendierte Mann aus dem Landeskriminalamt soll E-Mails mit einem fiktiven ausländerfeindlichen Fragebogen versandt haben. An der Polizeischule waren im Jahr 2000 Auszubildende wegen rassistischer Sprüche in die Schlagzeilen geraten. Berliner Zeitung, 20.03.2007

Das Auslöschen der Erinnerung gehört zum Verbrechen dazu und wer das heute weiterhin betreibt, setzt bewußtlos das Verbrechen fort. Daran erinnert die Rezesion 1980 bereits triftig:
“Aber während den Memoiren eines Speer und den Erinnerungen von Hitlers Schuhputzer ganze Wälder zum Opfer gefallen sind, ohne daß die Grünen diese doppelte Beschädigung der Welt angeprangert hatten, wurden von den Zeugnissen und Berichten aus Auschwitz gerade 8000 Exemplare nachgedruckt - 17 Jahre nach der ersten Auflage. Und während Speers schriftstellerische Tätigkeit sich im Gegenwert mindestens einer Villa im Tessin darstellen dürfte, haben die Herausgeber und Autoren der Zeugnisse und Berichte aus Auschwitz auf jegliches Honorar verzichtet, damit der Band zu einem für alle erschwinglichen Preis vertrieben werden kann. Man wird in dieser Gesellschaft offenbar nur fur die überflussige, unnütze Arbeit bezahlt, die wichtige und notwendige muß man gratis verrichten.

Die geringe Verbreitung des Buches in Deutschland ist ein Skandal, an dem eine Werbekampagne freilich nichts andern wurde. Es zählt zu den Dingen, deren Sinn und Gehalt an Propaganda und Reklame zerbräche. Wie es sich immer auszahlt, jemanden zu überreden, ihm etwas aufzuschwatzen, wenn man es auf dessen Geld und den eigenen Vorteil abgesehen hat, so lohnt es sich nie, die am Eigennutz desinteressierte Wahrheit anzupreisen. Durch den Umstand, daß die Menschen sich zur Einsicht erst überreden lassen mußten, wäre die Wahrheit fur immer vergiftet. Trotz der gebotenen Zuruckhaltung aber dürfen anhand des Buches einige Uberlegungen entwickelt werden, deren Bescheidenheit darin bestebt, nur unter skandalösen Verhältnissen nicht selbstverständlich zu sein. Fur die Publikation von Berichten aus Konzentrationslagern werden häufig pragmatische, politische und pädagogische Grunde angeführt - als müßten ausgerechnet diese Publikationen erst begründet werden. Man argumentiert dann, es möge die genaue Information uber die Vorgänge in den Vernichtungslagern den Menschen eine Warnung und Lehre sein. Man stellt den Berichten also eine kleine Erörterung voran, die mit dem bekannten Titel ‘Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben’ überschrieben sein kannte. So unbezweifelbar es ist, daß diese Berichte den Lebenden als Lehre und Warnung nützen können, so gewiß ist auch, daß ihre Veröffentlichung sich auf triftigere Gründe berufen kann als die Rechtfertigung durch den zu erwartenden Nutzen. Die Lebenden konnen sich auf vielfältige Weise selber helfen, nicht aber die Toten, deren Ermordung damals die Menschheit geschehen ließ. Für sie, an deren furchtbarem Ende nichts zu andern und nichts wiedergutzumachen ist, gibt es nur eine Rettung. Vor ihrem Anspruch, von den Überlebenden angehört und nicht vergessen zu werden, hat jeder andere zurückzustehen.

In den ‘Zeugnissen und Berichten’ sind unter anderem Aufzeichnungen abgedruckt, die ihr Verfasser, ein anonymer Häftling, in Auschwitz vergraben hatte und die man dort erst neun Jahre später fand. Darin heißt es: ‘Ich bitte, alle meine seinerzeit vergrabenen Schilderungen und Notizen mit der Unterschrift I.A.R.A. zu ordnen und unter dem Titel ‘Im Abgrund des Verbrechens’ zu veröffentlichen. Jetzt gehen wir, die 170 übriggebliebenen Manner zu unseren Frauen. Wir sind überzeugt, daß man uns in den Tod führt … Heute, am 26. November 1944.’ Den unentrinnbaren Tod in der Gaskammer vor Augen war dieser namenlose Haftling gepeinigt gewesen von der Furcht, die Menschheit könne nichts von den Verbrechen in Auschwitz erfahren. Ein anderer Häftling, der Auschwitz überlebt hat, berichtet von denen, die schon zur Vernichtung selektiert worden waren: ‘Vergeßt nicht die Vergeltung und vergeßt nicht die Opfer - das mögen bei vielen, die noch zu denken imstande waren, die letzten Gedanken gewesen sein.’ Gelegentlich unternahmen die, welche von ihrer unmittelbar bevorstehenden Ermordung wußten, den verzweifelten Versuch, sich selbst ein Grabmal zu setzen. Es wurden an den Barackenwanden Inschriften gefunden wie diese: ‘Andreas Rappaport - lebte 16 Jahre.’ Heute, 35 Jahre später, kann man sagen, daß die Mühe der Haftlinge, ihre Aufzeichnungen zu vergraben, ebenso vergebens war, wie der letzten Bitte und eindringlichen Mahnung vieler Ermordeter nicht entsprochen worden ist. Noch der verzweifelte Versuch, sich durch eine Inschrift an der Barackenwand nicht vorm Tod, aber vor der spurlosen Vernichtung zu retten, ist gescheitert. Der einzige Trost der Opfer, daß sie im Angedenken und in den Taten einer sie rächenden Menschheit weiterleben würden, wurde von der ferneren Geschichte als
Illusion verhöhnt. Nachtraglich hat sich das Kalkul der SS als ebenso richtig erwiesen wie der immer wieder heuchlerisch bestaunte Verzicht der Opfer auf Widerstand.

‘Schließlich sorgte die SS dafür’, schreibt Hermann Langbein, ‘daß keiner, der an Widerstand dachte, hoffen durfte, daß seine Tat der Nachwelt bekannt wird, wenn er sie mit dem Leben bezahlen muß; unbemerkt wurde er untergehen im allgemeinen Chaos der Vernichtung, kein Zeuge wurde je von ihm berichten können. Helden entstehen aber am ehesten, wenn sie hoffen durfen, daß ihre Taten sie überleben.’ (Und nicht nur Helden, darf man Langbein hier erganzen, sondern ganz allgemein Menschen, die nicht auf den kreatürlichen Reflex des Selbsterhaltungstriebes reduziert sind.)

Wenn es stimmt, daß, wie Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung schrieben, die Verwüstung der Friedhöfe keine Ausschreitung des Antisemitismus sondern dieser selbst ist, dann stimmt es auch, daß der Antisemitismus siegte. Die Auslöschung des Angedenkens der Toten, welche die Ergänzung und Vollendung der Vernichtung der Lebenden ist, konnte in der Bundesrepublik - obwohl es dann trotzden vorkam - auf Verwüsten von Friedhöfen und Umstürzen von Grabsteinen verzichten, weil es für die Opfer von Auschwitz, Majdanek, Treblinka, Sobibor weder Friedhöfe noch Grabsteine gab.

W.Pohrt, Auschwitz, Zeugnisse und Berichte Über das gleichnamige Buch, in: Ausverkauf. Von der Endlösung zu ihrer Alternative. Berlin
1980 (Das Buch wurde herausgegeben von H.G.Adler)


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